Weihnachtsoratorium
Johann Sebastian Bach
Kant. I – III und VI
BWV 248
Sonntag
Werkseinführung
Wenn heute in der Advents- und Weihnachtszeit die ersten festlichen Trompetenklänge des Weihnachtsoratoriums erklingen, gehört das zu den stärksten musikalischen Ritualen überhaupt. Doch das Werk war ursprünglich gar nicht als geschlossenes Konzertstück gedacht. Johann Sebastian Bach schrieb sein Weihnachtsoratorium für die Gottesdienste der Weihnachtszeit 1734/35 in Leipzig – verteilt auf sechs einzelne Kantaten für verschiedene Feiertage zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar.
Die Kantaten I–III und VI bilden dabei einen besonders glanzvollen Bogen: von der Geburt Christi über die Anbetung der Hirten bis hin zur triumphalen Huldigung des neugeborenen Königs.
Zwischen Oper, Gottesdienst und Festmusik
Bach war damals Thomaskantor in Leipzig – also verantwortlich für die Musik in den wichtigsten Kirchen der Stadt. Und obwohl Kirchenmusik oft mit Strenge verbunden wird, zeigt das Weihnachtsoratorium eine erstaunliche theatralische Kraft. Die Musik jubelt, tanzt, erzählt, tröstet und dramatisiert beinahe wie eine Oper.
Tatsächlich recycelte Bach mehrere Sätze aus weltlichen Glückwunschkantaten für den sächsischen Hof. Was ursprünglich für Könige und Kurfürsten komponiert worden war, verwandelte er in Musik für die Geburt Christi. Aus höfischem Glanz wird geistliche Festlichkeit – und genau deshalb klingen viele Chöre so überwältigend prachtvoll.
Kantate I – „Jauchzet, frohlocket“
Schon der Beginn ist ein musikalisches Feuerwerk: Pauken, Trompeten und Chor eröffnen mit einem Jubelruf, der keinen Zweifel lässt – hier wird gefeiert.
Die erste Kantate erzählt die Weihnachtsgeschichte nach dem Lukasevangelium: Maria und Josef ziehen nach Bethlehem, Jesus wird geboren. Zentrum der Handlung ist jedoch weniger das Geschehen selbst als die Reaktion darauf: Freude, Staunen und Dankbarkeit.
Der Evangelist – ein Tenor – führt als Erzähler durch die Handlung. Dazwischen kommentieren Arien und Choräle das Geschehen emotional und spirituell. Besonders typisch für Bach: Die Gemeinde scheint musikalisch mitzudenken. Die Choräle wirken wie kollektive Antworten auf die biblische Erzählung.
Berührend ist der Kontrast zwischen festlicher Pracht und inniger Zärtlichkeit. Nach dem triumphalen Eingangschor entstehen plötzlich intime Momente voller Wärme und Nähe.
Kantate II – „Und es waren Hirten“
Die zweite Kantate schlägt einen ganz anderen Ton an. Statt festlichem Glanz dominiert eine beinahe pastorale Ruhe. Die Sinfonia zu Beginn malt mit Oboen und Streichern eine nächtliche Hirtenlandschaft – man hört förmlich die stille Winterluft über den Feldern von Bethlehem.
Hier erscheinen die Engel den Hirten und verkünden die Geburt Christi. Die Musik wird kontemplativer, manchmal fast meditativ. Gerade dieser Kontrast macht das Weihnachtsoratorium so spannend: Bach kann innerhalb weniger Minuten von majestätischer Festmusik zu inniger Andacht wechseln.
Einer der bewegendsten Momente ist der Choral „Brich an, o schönes Morgenlicht“, in dem Hoffnung und Licht musikalisch aufstrahlen. Überhaupt arbeitet Bach ständig mit Symbolik: hohe Trompeten für göttlichen Glanz, wiegende Rhythmen für Geborgenheit, tänzerische Figuren für Freude.
Kantate III – „Herrscher des Himmels“
Mit der dritten Kantate kehrt die festliche Energie zurück. Die Hirten machen sich auf den Weg zur Krippe und preisen das Kind.
Der Eingangschor „Herrscher des Himmels“ gehört zu den mitreißendsten Chören Bachs überhaupt – voller rhythmischer Energie und jubelnder Klangpracht. Gleichzeitig zeigt sich hier Bachs geniale Architektur: Themen und Motive greifen ineinander, alles wirkt groß dimensioniert und doch vollkommen präzise gebaut.
Bemerkenswert ist die Verbindung aus persönlicher Frömmigkeit und öffentlichem Jubel. Das Weihnachtsgeschehen wird nicht distanziert betrachtet; die Musik zieht die Zuhörenden mitten hinein.
Am Ende der Kantate erscheint der Eingangschor erneut – ein musikalischer Kreis schließt sich. Das wirkt fast wie ein großes festliches Finale des ersten Weihnachtsblocks.
Kantate VI – „Herr, wenn die stolzen Feinde schnauben“
Die sechste Kantate gehört ursprünglich zum Epiphaniasfest, also zum Abschluss der Weihnachtszeit. Inhaltlich geht es um die Weisen aus dem Morgenland und zugleich um den Sieg Christi über Angst, Macht und Bedrohung.
Musikalisch kehrt Bach noch einmal zum großen Feststil zurück: Trompeten, Pauken und virtuose Chöre verleihen der Kantate eine fast triumphale Strahlkraft. Der Eingangschor wirkt wie ein kämpferisches Bekenntnis voller Energie und Zuversicht.
Hier zeigt sich eine weitere Facette des Weihnachtsoratoriums: Weihnachten ist bei Bach nicht nur idyllische Krippenromantik. Die Geburt Christi bedeutet auch Hoffnung gegen Angst und Unruhe – eine Botschaft, die bis heute erstaunlich modern wirkt.
Warum fasziniert das Werk bis heute?
Das Weihnachtsoratorium verbindet Gegensätze, die selten so vollkommen zusammenfinden:
monumentale Festlichkeit und intime Spiritualität,
kunstvolle Komposition und unmittelbare emotionale Wirkung,
theologischen Tiefgang und eingängige Melodien.
Selbst Menschen, die mit Kirche wenig anfangen können, erleben diese Musik oft als unmittelbar berührend. Vielleicht liegt das daran, dass Bach keine abstrakte Weihnachtsidee vertont, sondern menschliche Gefühle: Freude, Staunen, Trost, Sehnsucht und Hoffnung.
Oder, einfacher gesagt: Diese Musik klingt nicht nach Vergangenheit. Sie klingt nach Weihnachten.
Chor und Orchester
Solisten
Helena Huber, Sopran
Katharina Guglhör, Alt
Tenor
Bass
Konzertmeister/in
n.n.
Leitung
Konzertkarten
Regulär: € 35 / €25 / €15
Ermäßigt*: €25 / €15 /€10
